Meine Ex-Freundin stellte ja einmal die Theorie auf, dass sie während ihrer Menstruation regelmässig einen Eisenverlust erleidet, den sie unbewusst danach mit gesteigertem Fleischkonsum, auch und gerne roh, auszugleichen sucht. Als männlicher Vertreter der menschlichen Spezies kann ich naturgemäss nicht mit einer solchen Erklärung aufwarten, deshalb schieb ich es jetzt mal auf Begleitumstände bei der Rekonvaleszenz meines Vergripptseins. Wie dem auch sei, beim Einkauf fiel vorhin der Blick auf die Hackfleischauslagen des Stadtteil-Fleischers und ganz tief in mir meldete sich ein noch nicht ausevolutionierter animalischer Trieb, der nachdrücklich frisches, rohes Fleisch verlangte.
Von den Mongolen berichtet ja eine (im übrigen unwahre) Legende, sie hätten rohes Fleisch unter ihren Satteln weichgeritten und dann verzehrt. Die dem modernen Menschen angepasste Form dieses Weichreitens ist wahlweise das Schneiden in hauchdünne Scheiben oder das durch den Fleischwolf drehen. Letzteres geschah denn auch auf meine Bestellung hin mit einem dekadenten, fast 200g schwerem Stück feinstem Rinderfilet, das so ent- und erstandene Tartar wurde anschliessend zuhause, nur mit Salz, Pfeffer und Cayenne gewürzt sowie ein paar Zwiebelringen belegt, auf drei Körnerbrötchen verteilt und förmlich verschlungen. Ob jetzt Eisenverlust, evolutionäres Erbe oder von mir aus auch Männlichkeitsritual, so zwei-, dreimal im Jahr scheine ich das zu brauchen…